Winter bei den Sorben
    
 

 

November

In den Monaten November und Dezember finden wir in den einzelnen Regionen der zweisprachigen Lausitz eine Fülle verschiedener Tradition. In der sorbischen Sprache existieren neben der herkömmlichen Bezeichnung november, noch weitere Varianten. So heißt der November im obersorbischen auch nazymnik was so viel wie Herbst bedeutet. In der Niederlausitz sagt man mlošny,was aufdie Drescharbeiten der Bauern zurückzuführen ist.

Dezember

Der Dezember ist der Weihnachtsmonat, der hodownik; jedoch in der niedersorbischen Sprache nennt man ihn den Wintermonat, den zymski.

Swjaty Měrćin - heiliger Martin

Zunächst sind es die Heischegänge der Kinder am St. Martinstag (11. November) in den sorbisch-katholischen Dörfern, außer im Kirchspiel Radibor, wo dieser Brauch am Nikolaustag (6. Dezember) stattfindet. Die Kinder gehen in kleinen Gruppen von Haus zu Haus und bitten um Naschereien. Dabei singen sie einen Vers mit folgendem Text:

"Wjele zboža přejemy
a so pěknje prašamy, njej tu
swjaty Měrćin (Mikławš) był,
njej tu ničo wostajił? Ju wšak,
ju, połnu šklu,hišće wulku
hromadu"
"Viel Glück wünschen wir
und brav fragen wir:
War nicht der hl. Martin
(Nikolaus) da, hat er für uns
was dagelassen? Ja, doch ja,
eine volle Schüssel und noch
eine Menge dazu."

Swjata Borbora - heilige Barbara

In einigen Dörfern des Wittichenauer Kirchspiels geht die "swjata Borbora/heilige Barbara" am Vorabend ihres Namenstages, dem 4. Dezember, begleitet von zwei Knechten Ruprechts von Haus zu Haus. Bis vor einigen Jahren trug sie Trachtenteile einer sorbisch-katholischen Braut. Heute kleidet sie sich in ein weißes Brautkleid und hat vor dem Gesicht einen Schleier. Den braven Kindern beschert sie Äpfel, Nüsse und Süßigkeiten. Den unartigen streicht sie mit der Rute über die Wange.

"Swjata Borbora" sagt die ganze Zeit kein Wort, das machen Ruprechts Knechte für sie. Sie fordern die Kinder auf, über ihre Taten zu sprechen und ein kleines Ständchen vorzutragen. Jedes Kind ist aufgeregt und es ist stolz, von der "heiligen Barbara" etwas geschenkt zu bekommen.

Sonja Hrjehorjowa, Sulšecy (Sollschwitz)

Swjaty Mikławš - heiliger Nikolaus

In einigen Dörfern der katholischen Kirchgemeinde Wittichenau begegnen wir am Vorabend des 6. Dezembers dem "swjaty Miklawš"/"heiligen Nikolaus". Er ist wie ein katholischer Bischof mit Mitra und rotem Mantel gekleidet und er trägt in seiner Hand den Bischofsstab. Begleitet wird der "heilige Nikolaus" zumeist von zwei Weihnachtsmännern.

Swjaty Miklawš in Salow (Saalau)

Gemeinsam mit zwei Jugendlichen gehe ich am 5. Dezember, dem Vorabend des kirchlichen Feiertages "swjaty Miklawš"/"heiliger Nikolaus" von Haus zu Haus. Ich trage das Gewand eines Bischofs und besuche in Begleitung von zwei Weihnachtsmännern in unserem Dorf alle Kinder bis zu einem Alter von 10 Jahren. Mit dem Erklingen des Glöckchens vor jeder Haustür kündigt sich unser Kommen an. In der Stube stellen wir uns vor und fragen die Kinder, ob sie immer auf ihre Eltern gehört haben. Wenn dem nicht so war, erntet ein Kind auch einmal einen Tadel. Aber da der "swjaty Miklawš" ein sehr lieber Bischof war, ist das Tadeln eine Sache der Weihnachtsmänner. Ich lobe nur die Kinder und frage, ob sie nicht ein Gebet, ein Weihnachtslied oder ein Gedicht vortragen können. Dies ist für die Kleinen nie ein Problem, denn es wird im Vorfeld schon tüchtig geübt. Als Belohnung erhalten sie ein kleines Geschenk von mir. Dies legen die Eltern bevor ich mich auf den Weg begebe, draußen auf einem Fenster des Hauses ab. Nachdem sich die Kinder bei uns, das heißt beim "swjaty Miklawš" und seinen Begleitern bedankt haben, verabschieden wir uns und besuchen die nächste Familie.

Clemens Šołta, Salow (Saalow)

Dźěćetko - Bescherkind

Aus der Spinte in der Schleifer Region ging auch das "Gehen" des "dźěćetko" hervor. Die Heidebauern zählten zu den ärmsten in der Lausitz. So dachten sich die Mädchen, daß man den kleinen Kindern in der Adventszeit eine Freude in Form von kleinen Gaben, wie Äpfel, Birnen, Nüsse und Pfefferkuchen aber auch kleine selbstgenähte Trachtenteile, bereiten könnte.

So wurde das Mädchen, welches zur Heirat versprochen war, von der "kantorka"/"Vorsängerin" zur Gabenverteilerin bestimmt und an einem Adventssonntag in die Tracht der Brautjungfer gekleidet. Das Gesicht wird verschleiert, der grüne Rock mit einer weißen Schürze verdeckt, anstelle des weißen Kittelchens eine lange weiße Bluse unter den Trägerrock angezogen und die Hände mit weißen Wollhandschuhen versehen. Jedes Mädchen, das beim Ankleiden hilft, bringt ein buntes Band mit. Dieses wird dann, entweder zur Schleife gebunden und am Ärmel befestigt oder ungebunden, dem "dźěćetko" an die Tracht angeheftet. Da der Bänderputz des Christkindes in den sieben Dörfern der Schleifer Region unterschiedlich ist, läßt es sich mit Bestimmtheit sagen, aus welchem es kommt. In einigen werden die mitgebrachten Bänder an ein langes buntes Band angenäht. So kann man abzählen, wieviel Mädchen beim Ankleiden beteiligt waren. Nach Anbringen des komplizierten Kopfputzes bekommt das Christkind in seine rechte Hand die Rute aus Birkenreisern und in die linke ein Glöckchen. Mit diesem kündigt es sich an. Es spricht nicht. Dies tun nur die Begleiterinnen und somit bleibt das "dźěćetko" für die zu Bescherenden unerkannt.

Heute besucht es in der Adventszeit Kindergärten, Schulen, Weihnachtsfeiern unserer Rentner, Adventsfeierlichkeiten der Domowina-Ortsgruppen und den Weihnachtsmarkt in Schleife (Slepo). In jedem Dorf wird es nach althergebrachtem Brauch gekleidet. Wir freuen uns, daß das Christkind in allen sieben Dörfern - Slepo (Schleife), Rowno (Rohne), Mulkecy (Mulkwitz), Miłoraz (Mühlrose), Trjebin (Trebendorf), Brězowka (Halbendorf) und Dźěwin (Groß Düben) eine Wiedergeburt erfahren hat.

Lenka Nowakowa, Rowno (Rohno)

Auch in der Niederlausitz kleideten die Mädchen am letzten Spinteabend vor Weihnachten die Älteste unter ihnen als Bescherkind an. Bis heute hat sich diese Gestalt in Janšojcy (Jänschwalde) erhalten.

Janšojski bog - Jänschwalder Gott

Janšojcy (Jänschwalde) gehört zur niedersorbischen Trachtenregion. Auch hier trägt das Bescherkind eine aus verschiedenen Teilen der hiesigen Tracht phantasievoll zusammengestellte Kleidung. Dazu gehört der wattierte Unterrock. Darüber wird ein roter Bandrock getragen. Den Oberkörper bedeckt ein langes weißes Herrenoberhemd, an dessen Ärmel Kunstblumensträuße oder -kränzchen angesteckt werden. Über den Bandrock bindet man vorn und hinten je eine weiße Spitzenschürze. Am Schürzenbund werden bestickte Rockbänder befestigt. Um die Taille trägt die Darstellerin eine breite Seidenschärpe. Weiße Handschuhe sowie Strümpfe und schwarze Schuhe vervollständigen die Tracht.

Besonders auffällig und aufwendig ist der Kopfputz. Ein Wolltuch wird turbanartig um den Kopf des Bescherkindes geschlungen und vorn verknotet. Darüber legt man ein weißes Tuch, das mit zwei Blumenranken und dem Kränzchen des Kopfputzes der Brautjungfer verziert wird. In der Mitte steckt ein Brautjungfernkränzchen. Ein gerafftes Tülltuch, geschmückt mit bunten Bändern, Perlenschnüren und Pailetten, verhüllt das Gesicht der Darstellerin. Die mit bunten Schleifen verzierte Rute in der rechten und ein Glöckchen in der linken Hand komplettieren diese Ausstattung.

Mit seinen Begleiterinnen macht sich das Bescherkind auf den Weg zu den jüngsten Dorfbewohnern. Um unerkannt zu bleiben darf es nicht sprechen.

Mit dem Schlagen der Rute ans Fenster und dem Läuten des Glöckchens kündigt es sein Kommen im jeweiligen Haus an. Nach der Bescherung der Kinder berührt der "Janšojski bog" die Erwachsenen mit der Rute, um auf sie die erwachende Kraft der Natur zu übertragen.

Liska Möschowa, Janšojcy (Jänschwalde)

Swjata Marija hospodu pyta - Heilige Maria auf Herbergssuche

Das Ereignis der Herbergssuche von Maria und Josef zum Anlaß nehmend, haben sich jeweils 9 Familien zusammengefunden, um die Mutter Gottes symbolisch zu berherbergen.

Jeder, der mit diesem sorbisch-katholischen Brauch der Adventszeit verbunden ist, verspricht, keinen Bittenden abzuweisen.

Die Statuen der Mutter Gottes und des heiligen Josef werden neun Tage vor Heiligabend von einer Familie zur anderen getragen. Die Reihenfolge wird am 2. Adventsonntag mittels Los festgelegt. Die neunte Familie darf sich glücklich schätzen, da Maria und Josef bis "Lichtmess (2. Februar)" bei ihr bleiben.

Bei der Ankunft der hl. Maria wird gemeinsam gebetet und ebenfalls, wenn die Mutter Gottes das Haus verläßt, um zur nächsten Familie gebracht zu werden, wo sie schon erwartet wird.

In unserer Gemeinde beten wir natürlich in unserer sorbischen Muttersprache fünf Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und den "Engel des Herrn".

Gabriela Brězanowa, Prawoćicy (Prautitz)

Nowolětka - Neujährchen

Im Brauchtum aller Völker gibt es eine Vielzahl von Festen, die sich aus frühgeschichtlichen Zeiten erhalten haben.

Ein Jahr ging zu Ende und die Gedanken der Bauern waren schon im nächsten Jahr. Es wuchs die Sorge um die Ernte und das Gedeihen des Viehs. Aus diesem Grund buk man am Abend vor dem neuen Jahr tierfigürliches Gebäck aus Mehl, Wasser und einer Prise Salz und gab es den artgleichen Tieren am Neujahrstag zu fressen. Es sollte die Hoffnung und den Glauben an die Gesunderhaltung des Tierbestandes im Stall für das neue Jahr bekunden. Typische Neujährchen waren: Kühe, Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner, Gänse, Enten, Hunde und Katzen.

Aus dem Brauch, der sich vereinzelt bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts erhalten hat, entwickelte sich eine neue Tradition, welche vor allem in Schulen und Kindergärten gepflegt wird. Hier formen und backen Kinder verschiedene Tierfiguren zum Spaß an der Freude oder zum Verschenken. Das Museum "Alte Pfefferküchlerei" in Weißenberg hat sich ebenfalls diesem Brauch verschrieben. Zusammen mit den Besuchern werden dort in der Winterzeit solche Gebildebrote geformt und gebacken.

Über die Teigherstellung berichtet Irmgard Wenzel aus der Pfefferküchlerei in Wóspork (Weißenberg):

Aus Mehl und Wasser wird ein Sauerteig bereitet, zwei Tage an einem warmen Ort aufbewahrt und später mit reichlich Mehl und einer Prise lebensnotwendigen Salzes zu einem modellierfähigen Teig verarbeitet. Wichtig ist, daß das Kneten ausdauernd und kräftig geschieht. Der Teigrest wird mit einem schwach angefeuchteten Tuch bedeckt und so vor dem Austrocknen bewahrt.