Sorbische Bräuche im Jahreskreis
    
 

 

Nalětnje nałožki / Frühlingsbräuche


Debjenje jutrownych jejkow / Ostereierverzieren

Viele Völker haben ihre eigene Art des Eierverzierens entwickelt und von Generation zu Generation weitergegeben. Die Freude am Spiel mit Farben und Mustern führt auch bei den Sorben zu wahren Kunstwerken.

Das Ei gilt seit Urzeiten als Symbol für Wachstum und Fruchtbarkeit. Weit verbreitet ist daher der jahrhundertealte Brauch, Eier zu verschenken. Die darin enthaltene Lebenskraft soll auf die Beschenkten übergehen.

In der Muskauer Heide und in der ganzen mittleren Lausitz wurden einst Kinder von ihren Paten zu Ostern reichlich beschenkt. Noch heute holen sich manche Kinder das jährliche Patengeschenk ab. Dazu gehören verzierte Ostereier. Mit der Konfirmation wird der Pate von seiner Schenkpflicht enthoben.

Die Wachstechnik ist bei den Sorben nicht nur die älteste, sondern auch die bekannteste Technik des Verzierens. Mit einer beschnittenen Gänsefeder und einem Stecknadelkopf trägt man flüssiges Wachs auf das Ei, wobei Dreiecke, Striche oder Punkte zu Ornamenten aneinander gereiht werden. Bei mehrfarbigen Eiern wird erneut Wachs aufgetupft und das Ei in eine andere Farblösung getaucht. Dieser Vorgang kann bis zu sechs Mal wiederholt werden. Anschließend wird das Wachs über einer Kerze vorsichtig mit einem weichen Tuch entfernt.

Viel Geschick und zeichnerische Begabung verlangt die Kratztechnik. Die Eier werden zuerst gefärbt, anschließend wird die Farbe mit einem spitzen Gegenstand wieder abgekratzt. Wichtig ist, dass das Muster sauber ausgeschabt wird.

Wer faserige Konturen mag, wendet die Ätztechnik an. Dabei werden mit einer Ätzflüssigkeit - Salz- oder Salpetersäure - und einem Gänsekiel verschiedene Motive eingeätzt.

Neuerdings ist die Wachsbossiertechnik in Mode gekommen. Dabei wird farbiges Wachs auf das Ei aufgetragen, das als Schmuckelement sichtbar bleibt.

Ein besonderes Erlebnis der vorösterlichen Zeit sind die Ostereiermärkte in Bautzen, Hoyerswerda, Weißwasser, Schleife oder Halbendorf, auf denen man Volkskünstlern beim Verzieren der Eier zuschauen kann. Mit Geduld, Geschicklichkeit und künstlerischer Perfektion werden die Techniken demonstriert. So mancher ist überrascht, wie viel Schritte notwendig sind, bevor ein buntes Osterei auf dem Tisch liegt.


Chodojtypalenje / Hexenbrennen

In der Literatur wird erst seit Ende des 18. Jahrhunderts von Hexenfeuern berichtet. Auch bei den Sorben war der Hexenglaube verbreitet. Dabei sollten Hexen (chodojty) vertrieben werden, die zwar nicht den Menschen nach dem Leben trachteten, aber über das Vieh Unheil brachten. Mit den Besen wurden zugleich die Beförderungsmittel der Hexen vernichtet, verbrannt. Bis zum heutigen Tag wird der Brauch des Hexenbrennens von der sorbischen und der deutschen Bevölkerung fröhlich begangen.

Schon Tage vor dem 30. April werden an einer bestimmten Stelle außerhalb des Dorfes Holzabfälle, Reisig und brennbares Altmaterial zu einem großen Haufen geschichtet. Auf die Spitze wird meist eine ausgestopfte "Hexe" gesetzt. Der Hexenhaufen muss gut bewacht werden, damit ihn Jugendliche aus den Nachbarorten nicht vorzeitig abbrennen. Am Walpurgisabend versammelt sich die Dorfbevölkerung am Feuer, Kinder und Jugendliche zünden den Hexenhaufen an. Mit brennenden Besen schlagen sie Kreise, um die Hexen zu verscheuchen.

Jahresfeuer sind überall in Europa bekannt. In der Oberlausitz ist es das Hexenbrennen, in der Niederlausitz das Osterfeuer. Die Brauchgrenze verläuft nördlich der Landkreise Weißwasser und Kamenz.

Das wohl bekannteste Hexenspektakel findet alljährlich in Göda (westlich von Bautzen) statt. Organisiert wird es von der Gemeinde selbst und vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. In einem "Hexenprozess" werden Missstände angeprangert und aktuelle Vorfälle von Schauspielern öffentlich in Versform kommentiert. Im Beisein tausender Zuschauer wird die Hexe, die jedes Jahr einen anderen Spottnamen trägt, zum Tode verurteilt und verbrannt.


Mejestajenje / Stajenje majskego boma / Maibaumaufstellen

Am Vorabend des 1. Mai wird in vielen Dörfern der Lausitz auf dem Dorfplatz der Maibaum aufgestellt. Es ist ein bis zu 30 Meter langer Baumstamm, der mit Girlanden umwunden wird. Den Wipfel bildet meist eine mit bunten Bändern geschmückte kleine Birke, die mit ihrem saftigen Grün Glück und Fruchtbarkeit für Mensch, Vieh und Acker symbolisiert. Der Maibaum verkörperte in der vorchristlichen Zeit den Wachstumsgeist, der Gesundheit in das Dorf und zu den Menschen bringen sollte.

Am wichtigsten ist das Bewachen des Maibaums, damit er nicht vorzeitig von den Burschen der Nachbardörfer abgesägt oder gar gestohlen wird. Denn dann darf der Maibaum sieben Jahre nicht im Dorf aufgestellt werden.

Im Gegensatz zur Oberlausitz wird das Maibaumaufstellen in der Niederlausitz mit der Dorfgemeinschaft feierlich begangen. Der Maibaum steht oft bis Johannis, dann wird er gefällt und versteigert. In den Dörfern um Kamenz und Bautzen wird das Maibaumaufstellen von Vereinen oder von einem Jugendklub organisiert. Den Höhepunkt des Brauchs aber bildet in diesen Orten das traditionelle Maibaumwerfen.


Mejemjetanje / Maibaumwerfen

Das Maibaumwerfen findet in den Dörfern der Oberlausitz an einem Sonntag im Mai statt. Die Vorbereitung liegt in den Händen der Dorfjugend. Zunächst sammeln sich die Einwohner am Maibaum. Die Jugend tanzt eigens dafür einstudierte Volkstänze. Die Mädchen tragen meist die sorbische Tracht der Region, die Burschen weiße Hemden und schwarze Hosen. Schließlich wird der Baumstamm ausgegraben. Sobald er fällt, laufen die Burschen nach dem Wipfel. Wer ihn als Erster erhascht, ist Maikönig und wählt sich seine Maikönigin. Unter den Klängen einer Kapelle reiten das Maikönigspaar und die anderen Paare durchs Dorf. Abends klingt das Maibaumwerfen mit Tanz aus.

Während durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert so mancher Brauch verloren ging, blieb der Maibaum als volkskulturelle Tradition erhalten. Ein Aufschwung der Brauchpflege war nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten. Das Maibaumwerfen wird bis heute in der zweisprachigen Oberlausitz gefeiert.