|
Wer das Land Brandenburg besucht, begegnet in der Niederlausitz
Sitten und Bräuchen, die seit Jahrhunderten von den hier beheimateten
Sorben/Wenden gepflegt werden. Es ist kein Zufall, dass gerade die sorbisch/
wendische Bevölkerung dieser Region, deren Vorfahren die Lusizer
waren (von ihnen stammt auch der Name Lausitz), eine sehr breite Vielfalt
an Bräuchen aufzuweisen hat. Sie werden zum größten Teil
bis heute gepflegt, wobei territoriale Unterschiede zu beobachten sind.
Die meisten Jahresbräuche haben vorchristlichen Ursprung.
So sollte z.B. das Osterfeuer reinigende Wirkung haben. Der Hahn als Fruchtbarkeitssymbol
steht in mehreren Bräuchen im Mittelpunkt des Geschehens, da durch
seine Vernichtung neue Kräfte für das Wachsen und Gedeihen erwachen.
Ein Blick in die Geschichte der Sorben/Wenden in der Niederlausitz macht
aber auch deutlich, dass die traditionelle Pflege der sorbischen Bräuche
im Dorf ein entscheidender Faktor zur Selbsterhaltung der nationalen Eigenarten
war. Nirgendwo in der Lausitz wurde das sorbische Volk so getreten, wie
über Jahrhunderte im preußischen Teil der Niederlausitz. Unzählbare
Verbote der niedersorbischen Muttersprache, die Zielgerichtete Germanisierung
durch Schule und Kirche, aber auch preußische Marschmusik bei Festlichkeiten
und angeordnetem deutschen Chorvereinsleben führten zur Zurückdrängung
des reichlich vorhandenem sorbischsprachigen Volksliedgutes.
So rigoros und zielstrebig wie im Markgraftum Niederlausitz
und späteren Brandenburg-Preußen wurde nirgends gegen den "wendischen
Nationalcharakter", wie man offiziell sagte, vorgegangen. Bereits
mit dem 1667 gegründeten Lübbener Oberkonsistorium entstand
eine fürstliche Landeskirche, die sich für die gesamte Folgezeit
als mächtige Verfechterin einer staatlich geförderten Germanisierungspolitik
erwies. Auf Anordnung des Herzogs Christian I. wurde bereits Mitte des
17 Jh. ein Stufenplan zur gänzlichen Abschaffung der sorbischen Sprache
angenommen, der in den folgenden Jahrhunderten mit preußischer Härte
und Beharrlichkeit weiter verfolgt wurde.
Ab 1728 wurde von den Predigern der Niederlausitz verlangt,
kein Kind ohne ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache zum Abendmahl
zuzulassen. So war es kein Wunder, dass im Vergleich zur sächsischen
Oberlausitz, der Heimat der Obersorben, die Bedingungen zum Erhalt der
nationalen Eigenarten in der Niederlausitz bedeutend schlechter waren
und ihre Folgen hatten.
Allein im 17. und 18. Jh. fielen bereits fast 300 Dörfer
der Niederlausitz der Eindeutschungspolitik zum Opfer. Diese rigorose
antisorbische Sprachenpolitik wurde auch im 19. Jh. nur zeitweise unterbrochen,
so dass die bürgerliche sorbische nationale Bewegung im Zeichen der
Aufklärung in der Niederlausitz nur sehr gering zum Tragen kam und
jedes organisierte Ringen um nationale Rechte meistens bereits im Keim
erstickt wurde.
Mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871
verschlimmerte sich noch die Situation. Eine deutsch-nationale Welle verschärfte
besonders in der Niederlausitz den antisorbisch/wendischen Kurs. Der Oberpräsident
der Provinz Brandenburg verlangte 1896 von Staat, Kirche und Öffentlichkeit
die Verdeutschung der "Reste des Wendentums".
Auch nach der Gründung der Domowina im Jahre 1912 als
Dachorganisation aller sorbisch/wendischen Vereine der Ober- und Niederlausitz
ließ der Druck seitens der preußischen Verwaltung besonders
auf Pfarrer und Lehrer nicht nach. Allein schon Kontakte der Niederlausitzer
Sorben/Wenden zu Vertretern der nationalen Bewegung in der Oberlausitz
galten als panslawistische Bestrebungen und demzufolge als Landesverrat,
so dass die Wirksamkeit auch der Domowina in der Niederlausitz sehr gering
blieb.
Dennoch und vielleicht gerade deshalb wurden die verbliebenen
Möglichkeiten der Dorfgemeinschaft zum Erhalt der sorbischen kulturellen
Identität über Jahrhunderte zielstrebig genutzt. Die Spinnstube
als Träger vieler sorbisch/wendischer Bräuche war sowohl Ausgangspunkt
der Gestaltung aller Festlichkeiten der Jugend im Jahr, als auch die Hauptform
zur Verbreitung und Festigung sorbischen Liedgutes. Jedes Jahr wurden
drei neue Volkslieder in sorbisch/wendischer Sprache gelernt. Bereits
Mitte des 19. Jh. schrieben Smoler und Haupt in den "Volksliedern
der Oberund Niederlausitzer Wenden" nahezu 500 sorbisch/wendische
Lieder auf. Die bisherigen im Druck veröffentlichten Volkslieder
überschreiten weit die Tausend.
Hier und dort wird man auch heute noch Trachtenträgerinnen
in der niedersorbisch/wendischen Alltagstracht begegnen. Und an bestimmten
Wochenenden kann man viele Mädchen und junge Frauen in der schönen
Festtagstracht bei der Darstellung und Pflege alter wendischer Bräuche
sehen.
Die Pflege von Sitten und Bräuchen gleicht für
die Niederlausitz unter dem Blickfeld der historischen Entwicklung einem
Wunder. Und man fragt sich, ist es der Stolz auf die Schönheit und
Vielfalt dieser Kultur allein oder mehr der Trotz gegen das Verhöhnen
und der Wille zur Erhaltung der eigenen slawischen Identität gewesen?
Sicherlich beides und noch vieles andere hat über die Jahrhunderte
bewirkt, dass in diesem Landstrich Deutschlands soviel Einmaliges an Sitten
und Bräuchen geblieben ist.
Bräuche zeichnen sich durch ihre soziale Dimension
aus. Es ist immer eine Gruppe oder die ganze Dorfgemeinschaft erforderlich,
die den Brauch pflegt. Durch die Brauchpflege wurde und wird auch heute
das Zusammengehörigkeitsgefühl entscheidend beeinflusst. Durch
die Wiederholung wird der Brauch zur festen Tradition. Jeder Brauch hat
eine Geschichte und auch eine Entwicklung. Und so wie sich die Zusammensetzung
der Gruppen ändert, so ändern sich auch die Bräuche und
sogar ihre Funktionen, die oft ineinander übergehen. Die Welt der
Bräuche ist also nichts Statisches, sondern etwas Dynamisches. Ihre
sorbisch/wendische Herkunft bleibt für die Lausitz aber auf immer
bestehen. Ihre spezifische Eigenart gilt es bei aller Weiterentwicklung
weitestgehend zu erhalten und zu bewahren.
Somit haben die "alten wendischen Bräuche"
ihren besonderen Wert und auch für die Zukunft ihre Bedeutung. Es
bleibt die positive Erkenntnis, dass die Volkskultur der Sorben/Wenden
ein sehr wichtiges Bindeglied zwischen Deutschen und dem sorbisch/wendischen
Volk war und ist. Im Streben nach einem einheitlichen Europa wird sie
beim Ausbau der Beziehungen zu den slawischen Nachbarvölkern sogar
an Bedeutung gewinnen.
Max Schurmann
|