Kleine Information zu den Sorben / Wenden in Deutschland
    
 

 

Sorben / Wenden in der Niederlausitz

Die in der Niederlausitz lebenden Sorben/Wenden sind Nachkommen des Stammes der Lusici, die der einst sehr sumpfigen Landschaft "Łužica-Lausitz", ihren Namen gaben. Ihre Sprache, das Niedersorbische, hat manche Ähnlichkeiten mit dem Polnischen, während das Obersorbische viele Merkmale des Tschechischen besitzt (zum Beispiel niedersorbisch -gora, polnisch -góra, obersorbisch und tschechisch -hora). Die ethnische Eigenbezeichnung lautet nieder- wie auch obersorbisch "Serb", doch hören sich die Niederlausitzer "Dolne Serby" in deutscher Sprache oft lieber als Wenden bezeichnet denn als Sorben. Da mag neben der Tradition auch die DDR-Zeit mit eine Rolle spielen, als die SED die Sorben als Aushängeschild für angeblich vorbildliche marxistisch-leninistische Nationalitätenpolitik benutzte. Doch die Erfahrungen der Niedersorben mit der "Diktatur der Arbeiterklasse" waren deutlich schlechter als die der Sorben in der Oberlausitz. So wurde beispielsweise die Domowina der Niederlausitz - im September 1946 im Spreewalddorf Werben/ Wjerbno gegründet - von den Behörden zunächst wieder aufgelöst und erst 1949 zugelassen. Der Vorstand der SED im Kreis Cottbus-Land bemühte sich, alle Ansätze für eine gleichberechtigte Behandlung des slawischen Restvolkes in der Niederlausitz zu unterlaufen, so zum Beispiel, als er am 5. August 1946 im Vorfeld der Gemeindewahlen das Aufstellen sorbischer Vertreter durch die Domowina ablehnend beschied und mitteilte, daß "in unserem Gebiet von einer eigentlichen Volksbewegung des Wendentums überhaupt nicht die Rede ist ". Und das, obwohl die wendische Bevölkerung im Landkreis bis Kriegsende die Bevölkerungsmehrheit stellte! Während die Oberlausitzer Sorben von der sowjetischen Besatzungsmacht mit Sympathie bedacht und unterstützt wurden, waren die "slawischen Brüder" gegenüber den Niedersorben auffällig zurückhaltend. Möglicherweise ist dies den regionalen SED-Funktionären zuzuschreiben, welche das kleine Volk ob seines Festhaltens an christlichen Werten und fehlender Begeisterung für die kommunistischen Ziele als reaktionär einschätzten.

Erst unter dem Druck des sächsischen "Gesetzes zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung" (1948) nahm der Brandenburger Landtag verspätet im Jahre 1950 eine "Regierungsverordnung zur Förderung und Entwicklung der sorbischen Kulturbestrebungen" an, welche aber praktisch wenig an der vorherrschenden, wenig sorbenfreundlichen Haltung der regionalen Obrigkeit änderte.

Erst 1952 wurde in Cottbus eine sorbische Oberschule (später Sorbische Erweiterte Oberschule, heute Niedersorbisches Gymnasium) gegründet. In Cottbus- Sielow entstand im März 1998 erstmals in der Geschichte der Niederlausitzer Sorben/ Wenden eine Kindertagesstätte, in der Kinder in niedersorbisch- wendischer Sprache erzogen werden. Weitere folgten im Rahmen des so genannten WITAJ- Projektes, mit dem sich große Hoffnungen zur Revitalisierung der sorbischen Sprache verbinden.

Als Folge germanisierender Sprachpolitik, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, ist der Übergang von der deutsch-sorbischen Zweisprachigkeit zur deutschen Einsprachigkeit in der jungen und in der mittleren niedersorbischen Generation heute nahezu vollzogen. Untersuchungen des Sorbischen Instituts von 1993- 1995 ergaben, daß es in der Niederlausitz lediglich noch etwa 7000 Sorbisch- Sprecher gibt, die mehrheitlich der ältesten Generation angehören. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts waren es noch etwa 70.000. Die niedersorbische Sprache ist somit akut vom Assterben bedroht. Die ernüchternde Prognose der Sprachwissenschaftler lautet: in ca. 20 bis 30 Jahren.

Dennoch bekennen sich noch erstaunlich viele Jüngere zu ihrer wendischen Herkunft und den ererbten Traditionen. Dies lässt sich vor allem an der Pflege uralten wendischen Brauchtums ablesen, die seit mehreren Jahren anhaltend eine Renaissance erlebt. Auch die wendischen Trachten sind in der Niederlausitz wieder zu Ehren gelangt und werden von vielen Frauen und Mädchen jüngeren Alters zwar nicht mehr täglich, aber doch zu besonderen Anlässen getragen.

1574 wurde das erste sorbische Buch gedruckt. Es war ein niedersorbisches Gesangbuch und der Kleine Katechismus. Seitdem kämpfen sorbische Geistliche, Lehrer und Journalisten einen ungleichen, aufopferungsvollen Kampf gegen den Niedergang der Sprache und vollbrachten bis heute erstaunliche Leistungen, wie z. B. der Lehrer und Kantor Christian Schwela, welcher von 1864 bis 1915 mehr als 51 Jahre lang ununterbrochen den "Bramborski Serbski Casnik" redigierte. Es gibt die niedersorbische Wochenzeitung seit 1848 unter wechselnden Namen, mit Unterbrechung in der Nazizeit und in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Sie ist Brandenburgs älteste existierende Zeitschrift.

1956 wurden die ersten niedersorbischen Rundfunksendungen ausgestrahlt. Seit Ostern 1992 sendet der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg monatlich eine halbe Stunde Fernsehen in niedersorbischer Sprache. Doch reichten alle Bemühungen bislang natürlich nicht aus, die fortschreitende Assimilation zu stoppen oder gar umzukehren. Im Schuljahr 2000/2001 lernten z. B. mehr als 500 Schüler am Niedersorbischen Gymnasium, doch lediglich zwei, d.h.0,4%, waren noch sorbische Muttersprachler. Es droht große Gefahr, dass die Niedersorben von der ethnographischen Karte Europas verschwinden, wenn nicht geeignete Fördermaßnahmen stattfinden, um die Sprache und Kultur des kleinen slawischen Volkes der Lausitzer Sorben zu retten.

Werner Meschkank, Serbski muzej Chośebuz/Wendisches Museum Cottbus

Weitere Informationen unter:
Sorbische Kulturinformation "LODKA"
Augusta-Bebelowa droga 82
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Fax. 0355-48576-469
Email: stiftung-lodka@sorben.com