Kleine Information zu den Sorben / Wenden in Deutschland
    
 

 

Witaj- ein Angebot zur Zweisprachigkeit in der Lausitz

Auch im hochindustrialisierten Europa setzt sich seit geraumer Zeit die Erkenntnis immer mehr durch, " dass der Schutz der geschichtlich gewachsenen Regional- oder Minderheitensprachen Europas, von denen einige allmählich zu verschwinden drohen, zur Erhaltung und Entwicklung der Traditionen und des kulturellen Reichtums Europas beiträgt." (Aus der Präambel der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen - 1992).

Die Erfahrung zeigt: Am besten kann eine kleine Sprache geschützt werden, wenn sie auch von möglichst vielen Mitmenschen, die der großen Sprache mächtig sind, verstanden und gesprochen wird und wenn neben dem nach wie vor hohen kulturellen Wert sich der GEBRAUCHSWERT der kleinen Sprache sichtbar erhöht.

In Europa gibt es etwa 100 verschiedene große und kleine Sprachen. In den letzten Jahrzehnten wurden in vielen "Gebieten, in denen Regional- oder Minderheitensprachen gebraucht werden, Einrichtungen bereitgestellt, die es Personen, die eine Regional- oder Minderheitensprache nicht sprechen, aber in dem Gebiet leben, in dem sie gebraucht wird, ermöglichen, sie zu erlernen, wenn sie dies wünschen." (Charta Art. 7g)

Das Bestreben einer zunehmenden Anzahl von Bürgern, die Zweisprachigkeit ihrer Region zu pflegen - wie wir es z.B. in der Bretagne (Frankreich), im Aosta - Tal (Italien), im Burgenland (Österreich), in Norddeutschland usw. beobachten können- wird nicht nur mit der Erhaltung und Entwicklung der Traditionen und des kulturellen Reichtums begründet, sondern auch durch moderne wissenschaftliche Aussagen über geistig- kognitive Vorteile insbesondere für junge zweisprachig aufwachsende Menschen unterstützt. Auch die Erkenntnis, dass Zweisprachigkeit, die ja auch immer mit dem Erlebnis einer mehr oder weniger andersartigen Kultur bzw.

Lebensweise verbunden ist, auch Haltungen wie z.B. Toleranz und Akzeptanz des anderen positiv beeinflusst, spielt bei der Entscheidung vieler Eltern, ihren Kindern eine zweisprachige Entwicklung zu ermöglichen, eine wichtige Rolle. Hinzu kommt in der Lausitz die Besonderheit, dass die Beherrschung des Sorbischen als slawischer Sprache jungen Menschen künftig größere Chancen für ihre berufliche Entwicklung eröffnen wird.

Im "obersorbischen Sprachgebiet im Freistaat Sachsen und im niedersorbischenSprachgebiet im Land Brandenburg" (Ratifizierungsurkunde des Deutschen Bundestages zur "Charta" -1998) hat das Bestreben, die sorbische (bzw. wendische) Sprache und Kultur zu fördern und zu erhalten, durch die Einrichtung von WITAJ- Kindergärten oder WITAJ- Gruppen neue, erfolgversprechende Impulse bekommen.

WITAJ ist ein sorbisches Wort und heißt WILLKOMMEN, d.h. allen Kindern im sorbischen Siedlungsgebiet ist der Weg offen. Der Sorbische Schulverein e.V. Bautzen ist freier Träger von bisher fünf Kindertagesstätten in der Ober- und Niederlausitz, in denen mit Hilfe einer besonderen pädagogischen Konzeption Kindern deutsch sprechender Familien Sorbisch als Zweitsprache vermittelt wird. In weiteren Einrichtungen arbeitet neben den in Deutsch betreuten Gruppen jeweils eine WITAJ- Gruppe.

Das bestehende Netz sorbischer Kindergärten und Schulen mit sorbischer Umgangs- und Unterrichtssprache im Siedlungsgebiet der katholischen Sorben - zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda gelegen- wird mit den neuen WITAJ - Einrichtungen auf Wunsch der Eltern allmählich auch auf die übrigen Gebiete, wo die sorbische Sprache vorwiegend nur noch in der Generation der Großeltern lebendig ist, ausgeweitet.

Der Erwerb der Muttersprache im Kindesalter erfolgt am effektivsten, wenn in der Familie das Prinzip" eine Sprache- eine Person" eingehalten wird. Für die Vermittlung einer Zweitsprache im Kindergarten hat sich in den letzten Jahren die Anwendung des o. g. Prinzips als "langfristige sprachliche Immersion" international als günstige Methode erwiesen: Die Kinder werden in einer Gruppe von einer Erzieherin ausschließlich in sorbischer Sprache betreut. Das sprachliche Vorbild der Eltern (deutsch) und der Erzieherin (sorbisch) wird vom Kind aufmerksam unterschieden und angenommen. Wesentlich ist, dass die sprachliche Identität der Kontaktperson nicht verändert wird. Die Einhaltung des Prinzips "eine Sprache - eine Person" ist für die Kinder ein natürliches Bedürfnis und bereitet ihnen viel Freude.

Unsere ersten Erfahrungen nach etwa drei Jahren WITAJ- Praxis zeigen, dass die Kinder mit dieser neuen Lebenssituation keine Probleme haben. Sie sind nach wenigen Wochen in der Lage, alle Äußerungen ihrer sorbischen Kontaktpersonen zu verstehen und richtig zu reagiern. Sie äußern sich anfangs selbstverständlich ungehindert, solange sie mögen, in der eigenen Muttersprache.

Der in den WITAJ- Kitas einsetzende Erwerb der Zweitsprache kann nur zu einem stabilen Erfolg geführt werden, wenn der Immersionsprozess in der Schule fortgeführt wird. Dazu werden vom Regionalschulamt Unterrichtsvarianten für WITAJ- Kinder angeboten. In den Grundschulen Schleife (OL) und Sielow (NL) werden auf Wunsch der Eltern die Schüler 14 bzw. 7 Stunden pro Woche als Gruppe in sorbischer Sprache unterrichtet. Sie erlernen das Lesen und Schreiben mit Hilfe der sorbischen Fibel, die Grundlagen der Mathematik werden auch in sorbischer Sprache gelegt. In den verbleibenden Unterrichtsstunden befinden sich die Kinder im Klassen verband und nehmen am Unterricht in deutscher Sprache teil.

Die Lernleistungen dieser Kinder entsprechen dem allgemeinen Niveau dieser Klassenstufe Klasse 1. Die sorbischsprachige Kompetenz der Kinder wächst schnell, die Beherrschung der deutschen Sprache bleibt keinewegs zurück, die Kinder wenden infolge der Zweisprachigkeit ihre Muttersprache bewusster an.

Die Konzeption für den zweisprachigen Unterricht wird nach den neuen Erfahrungen kontinuierlich weiterentwickelt.

Die WITAJ- Intitiative wird vom Sorbischen Schulverein e.V. getragen und vom Bund Lausitzer Sorben DOMOWINA e.V. mit seinem WITAJ- Zentrum (Rěčny centrum WITAJ) wirksam unterstützt.

Die im Artikel 8 der "Charta genannten" Maßnahmen zur Förderung des Gebrauchs von Regional- oder Minderheitensprachen" werden durch das WITAJ- Projekt in der Ober- und Niederlausitz Erfolg versprechend umgesetzt.

Jan Bart (sen.) Mitglied des Sorbischen Schulvereins e.V.

Weitere Informationen unter:
Rěčny centrum WITAJ Sprachzentrum
Pf 1317
02603 Budyšin / Bautzen
Tel. : 0 35 91 / 550 400
Fax : 0 35 91 / 550 375
Email: witaj-bautzen@sorben.com
Iternet: www.witaj-projekt.de