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Eierschieben auf dem Protschenberg
Zu den originellsten Osterbräuchen der Oberlausitz
gehört das einst weithin bekannte und gern besuchte Bautzener Eierschieben
auf dem Protschenberg.
Dieser sorbisch Hrodzisko genannte Berg gegenüber der
Ortenburg gehörte zum sorbischen Ort Seidau, der 1920 nach Bautzen
eingemeindet wurde. Der Protschenberg war jahrhundertelang der Versammlungs-
und Festplatz der vorwiegend sorbischen Einwohner der Seidau, die dort
gern fröhlich feierten. Der sächsische Kurfürst Johann
Georg II. erließ im Jahre 1678 sogar eine Verordnung darüber,
wie "die Leute des wendischen Dorfes Seidau sich auf dem Protschenberg
zu verhalten haben". Der Landesvater verbot ihnen dort das Kartenspielen,
lautes Lärmen und Branntweintrinken. Die Seidauer Kinder pflegten
hier zu Ostern den sorbischen Brauch des Waleien der Ostereier.
Vor dem Jahr 1541 ritten die Wittichenauer, die sich
lieber Kreuzreiter nennen, nach Hoyerswerda. Seitdem die dortige Gemeinde
den lutherischen Glauben angenommen hat und somit Prozessionen nicht duldete,
besuchen sich die Prozessionen der beiden Gemeinden Ralbitz und Wittichenau
gegenseitig.
Ralbitz ist nicht nur wegen der großen Zahl
der Osterreiter anziehend. Der Friedhof mit seinen schlichten weißen
Holzkreuzen - seiner Art nach soll er einmalig in Europa sein - hat das
ganze Jahr über viele Besucher. Die Gleichheit der Kreuze weist darauf
hin, daß vor Gott alle Menschen gleich sind. Jeder Verstorbene,
ob hoch angesehen oder ganz einfach, bekommt ein schlichtes, weißes
Holzkreuz.
Nach der Reformation, als der Dom Sankt Petri wie heute
noch beiden Konfessionen diente, benutzten die katholischen Gläubigen
am Ostersonntag auch den evangelischen Teil des Gotteshauses für
ihre Messe. Daraufhin begaben sich die protestantischen Bürger auf
den Protschenberg außerhalb der Stadt und feierten dort fröhlich
mit den Kindern, bevor sie am Nachmittag zu ihrem Gottesdienst in den
Dom gingen. Auf dem Protschenberg kam es sogar Anfang des 18. Jahrhunderts
zu Auseinandersetzungen zwischen den Städtern und den Seidauern,
wer hier feiern dürfte.
Der Brauch des Eierschiebens war aus diesen traditionellen
Gewohnheiten entstanden und wurde 1830 erstmals schriftlich erwähnt.
Auf dem Steilhang des Protschenberges oberhalb der Spree jagten hunderte
Kinder nach gekochten Eiern, Semmeln und anderem Gebäck, das ihnen
reiche Bürger zu warfen. Nach 1900 entwickelte sich das Eierschieben
zu einem größeren Volksfest, auf dem tausende vor allem ärmere
Kinder nach den zugeworfenen kleinen Gaben haschten und dabei auch in
das kalte Spreewasser stürtz-ten. Dieser Brauch wurde bald vermarktet,
auf Ansichtskarten abgebildet und für seinen Besuch rege geworben.
Während des ersten Weltkrieges wurde der Brauch wegen
Lebensmittelmangel erstmals amtlicherseits verboten. Erst 1924 war das
Eierschieben wieder erlaubt und erlebte jetzt einen riesigen Zuspruch
von Kindern und Zuschauern. Auf dem Berg waren Jahrmarktbuden aufgebaut,
wo Eier, Äpfel, Pfefferkuchen, Bonbons und die besonders begehrten
Apfelsinen - nach denen die Kleinen laut riefen - verkauft wurden. Ab
1928, als die sorbische Osterreiterprozession wieder nach Radibor ritt,
schrieben die Zeitungen von der "Osterstadt Bautzen". Jetzt
erfolgte auch ein Auszug der Zünfte in historischer Kleidung aus
der Stadt zum Eierschieben, das 1932 von der USA gefilmt und in ganz Deutschland
durch einen Dokumentarfilm bekannt wurde.
Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges erfolgte 1940 erneut sein
Verbot.
Die Volkssolidarität erhielt 1950 die einmalige Genehmigung
für das Eierschieben, über dessen weitere Pflege jedoch heftige
Diskussionen entbrannten. 1954 sprach sich der Landrat des Kreises Bautzen
Dr. Johannes Ziesch-Cyz für dessen Fortführung mit neuer Inhalt
aus. Daraufhin wurde der Brauch ab 1955 als Pionier- und Schulfest traditionell
weiter begangen. 1958 erfolgte darüber eine einstündige Direktübertragung
im Fernseher der DDR. In diesem Jahr kullerten erstmals kleine Stoffbällchen
in unterschiedlichen Farben den Hang hinab. Die Kinder konnter sie gegen
Süßigkeiten, Eier und Apfelsinen eintauschen. 1961 rollten
16000 Bällcher ins Spreetal und die HO stellte u.a. tausent Apfelsinen
als Preise zur Verfügung.
1963 fand für Jahrzehnte das letzte Eierschieben statt,
da die "Hygiene" dies verbot. Nach der Wende 1989 gab es lange
erfolgl se Bestrebungen, diesen einmaligen Bautze ner Brauch wieder zu
beleben.
Erst 2001 versammelten sich trotz schlecht Wetters tausende
Kinder und Erwachsene zum Bautzener Eierschieben. Diese einmal Tradition
wird nur am Ostersonntag auf der Protschenberg gepflegt und erfreut sich
ern großer Beliebtheit.
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