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Ostern in der Schleifer Kirchgemeinde
Lenka Nowak aus Rohne bei Schleife erzählt:"Wenn
ich mich als siebenfache sorbische Großmutter meiner Kindertage
erinnere und sie mit der vorösterlichen Zeit heute vergleiche, dann
hat sich kaum etwas in der Pflege der Traditionen verändert.
Passionssonntage.
Schon vier Wochen vorher beginnen wir, an Ostern zu
denken. Die Passionssonntage Okuli, Lätare, Judika, Palmsonntag weisen
uns hier den Weg. Das Heim wird von oben bis unten auf den Kopf gestellt,
bis es blinkt und blitzt ..., beim Einkaufen achten wir darauf, daß
jeder neue 10- oder 20- Markschein zur Seite gelegt wird, da wir ihn als
Beigabe zum Patengeschenk benötigen.
Karfreitag.
Der Karfreitag ist bei uns evangelischen Sorben um Schleife ein hoher
christlicher und kirchlicher Feiertag. An diesem Tag darf keine Arbeit
außer Haus und Hof verrichtet werden, und wir achten streng darauf,
daß nicht geklopft, gesägt und laut gerufen wird.
Ein ungeschriebenes Gesetz ist, daß ein Familienmitglied
zum Karfreitag-Gottesdienst gehen muß. Nach dem Frühstück
beginnen wir mit dem Verzieren der Ostereier in der Wachstechnik. Nicht
selten sitzen fünf, sechs Personen bis zum Mittag am Tisch in unserer
Küche und verzieren je nach Können, Vermögen und Phantasie
Ostereier bis sie wahre Kunstwerke in den Händen halten. Wir wissen
ja, für wen diese sind. Nämlich für unsere lieben Patenkinder.
Bei uns gilt: Je schöner das Ei verziert ist, um so größer
ist das Wohlwollen, das wir dem Patenkind entgegenbringen.
Ostersonnabend.
Am Ostersonnabend backe ich den Osterkuchen und hole die Ostersemmeln
und Pfefferkuchen beim Bäcker ab. Dann stelle ich für jedes
Patenkind das Patengeschenk zusammen. Es besteht aus einer Ostersemmel
(Semmel in Zopfform), dem großen Pfefferkuchen und dem Obolus für
die Sparbücher. Nun lege ich meine Tracht für den Kirchgang
zurecht und es wird gebadet, denn jeder möchte vollkommen rein das
Osterfest begehen. Zum Abend müssen wir die Türen der Stallungen,
der Scheunen, der Nebengebäude und Garagen verriegeln, sowie die
Hof- und Gartentürchen. Denn in der Osternacht treiben die Burschen
des Ortes manchen Schabernack. Sie hängen Tore, Gartentürchen,
Zaunsfelder aus, verstopfen Schornsteine und Abflüsse, verstecken
Wagenräder und Deichseln. Besonders arg werden die jenigen gebeutelt,
die nach Meinung der Burschen beim Zampern gegeizt haben.
Neben den Burschen sind auch die Singfrauen und -mädchen
in der Osternacht auf den Beinen. In der Schleifer Halbtrauertracht treffen
wir uns bei der ersten Kantorka/(Vorsängerin). Singend ziehen wir
von Haus zu Haus und beenden unseren Gesang zum Sonnenaufgang auf den
Singebänken mit dem Choral zum Preise und Lob Gottes. Um diese Zeit
treffen wir noch vereinzelt auf alte sorbische Mütterlein, die an
die Heilkraft des Osterwassers glauben und auf dem Wege zur Quelle sind.
Ostersonntag.
Am Ostersonntagvormittag besuche ich mit meiner Familie die Kirche.
Danach endlich wird der Fleiß aller strahlenden Kinderaugen
belohnt. In der schönsten österlichen Kleidung besuchen mich
meine Patenkinder und holen sich ihre Patengeschenke ab. Sittsam bedanken
sie sich bei mir und wünschen beim Hereinkommen und Hinausgehen ein
frohes Osterfest. Sie haben den ganzen Tag zu tun, um jeden Paten in den
Dörfern und auch in Weißwasser aufzusuchen.
Ostermontag.
Schön ist noch einmal der zweite Osterfeiertag. Denn nun geht es
zur Waleie. Gleich hinter den Singebänken in unserem Ort ist eine
flache Grube mit einer schiefen Ebene. Dort finden wir heut unsere Kinder.
Sie legen in den tiefsten Punkt ein buntes Ei und jedes Kind versucht
mit seinem Ei das Ei des anderen zu treffen. Trifft ein Kind ein anderes
Ei kann es sich zwei dafür heraus nehmmen, doch leider rollen sie
fast immer in die falsche Richtung. Nur Könner verlassen die Waleie
oft mit mehr Eiern, als sie mitgebracht haben.
Natürlich begrüßen wir an diesen Tagen viele
Gäste aus nah und fern. Traditionsgemäß bewirte ich sie
mit Kuchen oder Eierbroten und bei manch einem Umtrunk verleben wir schöne
Stunden.
Es gibt wohl kaum ein anderes Fest, das von uns Schleifer
Sorben so würdig in seinen Ritualen und Traditionen erhalten wird,
wie das Osterfest."
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